LVZ Günther Gießler 18. Oktober 2005
Leipzig schlägt Venedig
Lagunenstadt hat 57 Überführungen weniger – doch Experten an der Pleiße quälen Sorgen
Jede zweite Leipziger Straßenbrücke befand sich zur Wendezeit in baufälligem Zustand. Inzwischen konnte nach Sanierungen und zahlreichen Neubauten der Anteil jener Brücken, die sich in kritischer Verfassung befanden, auf 28 Prozent gedrückt werden. Allein für neue Bauwerke an wichtigen Trassen wurden rund 35 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Doch für 33 Brücken der Messestadt gilt noch immer eine Höhenbeschränkungen, da sie nicht der geforderten lichten Höhe von 4,70 Meter entsprechen.
Ein gewisser Geheimrat von Goethe war einst voll, wenn er von Leipzig sprach: „ Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute.“ Doch dass andere Weitgereiste 150 Jahre später Leipzig gar als Klein-Venedig charakterisierten, überrasche selbst eingefleischte Lokalpatrioten. Nun gibt es in der Pleißestadt zwar keine Seufzer – Brücken, auch keinen Canale Grande, aber tatsächlich mehr Brücken als in der Lagunenstadt. Dies mag viele überraschen. Doch Leipzig verfügt mit 457 Brücken sage und schreibe über 57 mehr als die Traumstadt der Hochzeitspaare. „Das hat unter anderem seine Ursachen im geographischen Milieu Leipzigs“, weiß Klaus Barthel, Abteilungsleiter im Tiefbauamt.
Als sich in der jüngsten Eiszeit vor rund 18 000 Jahren die Eisplatten bis weit in den Norden Europas zurückzogen, hinterließen sie in der Leipziger Tieflandsbuch eine ausgedehnte Flusslandschaft. Wenn sich auch mit Weißer Elster, Pleiße, Parthe, Rietzschke, Luppe oder Nahle nicht gerade Riesenströme ihren Weg bahnten, bedeuteten sie für die späteren Verkehrsadern immer wieder Hindernisse. „Und die waren eben nur mittels Brücken zu überwinden“, erklärt Barthel. Hinzu kam, dass sich die Messemetropole, nach dem Bau der ersten deutschen Fernbahnstrecken von Leipzig nach Dresden (1835 bis 1839) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Eisenbahnknotenpunkt europäischen Ranges entwickelte. Und da ging schon gar nichts mehr ohne Brücke.
Europäische Städte und ihre Brücken:
1. Hamburg 2400
2. St. Petersburg 1840
3. Berlin 1600
4. Amsterdam 1200
5. London 850
6. Paris 800
7. Leipzig 457
8. Venedig 400
9. Dresden 290
10. Prag 180
Heute verfügt die Stadt an der Pleiße über 188 Eisenbahn- und 277 Straßenbrücken. Bauwerke die nicht nur Freude machen.“ Im Wendejahr 1989 befand sich immerhin jede zweite Brücke in einem kritischen Bauzustand, der schnelles Handeln erforderte“, sagt Tiefbauamtsleiter Hans- Georg Krämer. Aber quasi über Nacht sei da gar nichts zu machen gewesen, zumal das Geld für Verkehrsobjekte auch in den Bau neuer Straßen fließen musste. Heute seien von 277 Brücken, für die die Kommune die Verantwortung trägt noch 28 Prozent in kritischem bis ungenügendem Zustand.
„Die Mittel mussten zu allererst für Großprojekte auf den wichtigen Zufahrtsstraßen zum City – Ring ausgegeben werden, da sich in den Jahren nach der Wende das Verkehrsaufkommen mehr als verdoppelt und die Leipziger und ihre Gäste permanent unter Staus leiden hatten“, erklärt der Tiefbauamtschef. Man erinnert sich an die neunziger Jahre, als die Berliner Brücke dicht gemacht und vor allem die Mockauer und Theklaer quälende Umleitungen in Kauf nehmen mussten. 19,5 Millionen Euro kostete allein dieses Bauwerk, die jetzt der Autofahrer der vierstreifigen B2 und die Straßenbahn zwischen Innenstadt und Thekla problemlos rollen. Gleiches gilt für die Brandenburger Brücke samt der am Gothischen Bad. Hier waren 8,9 Millionen Euro vonnöten. Auch die neuen Brücke an der Hermann – Liebmann – Straße, der Torgauer Straße und die König – Johann – Brücke in der Zschocherschen Straße über den Karl – Heine - Kanal verschlangen insgesamt mehr als 15 Millionen Euro. Allein ein drittel dieser Summe kostet nun die Prager Brücke an der Alten Messe, die sich im Bau befindet und die vor der Fußball – WM fertig sein soll. Gleiches gelte für die neue Brücke in der Rückmarsdorfer Straße.
„Ein anderes Problem, nämlich die zu geringen lichten Höhen unter zahlreichen Brücken, bereitet uns noch immer Sorgen“, sagt Krämer. Vor allem jene, unter die Eisenbahnzüge fahren. 4,70 Meter lichte Höhe sind vorgeschrieben, aber es gab und gibt immer noch welche, die nur vier Meter oder weniger zwischen Straßenoberfläche und Brückenunterkannte aufweisen. „ Da blieben sich in der Vergangenheit immer wieder Fahrzeuge stecken, vor allem Lasten, die Bagger, oder ähnliche Geräte geladen hatten“, so Krämer. Vieles ist mit Neubauten oder Straßenvertiefungen in Ordnung gebracht worden. Hier sei nur an die Eisenbahnbrücke in der Riesaer und Wurzner Straße gedacht oder an die Brücke in den Maximillianallee.
„Aber wir stehen auch vor unlösbaren Problemen, was die gesetzlich vorgeschriebene lichte Höhe angelangt“, bedauert Barthel. Zum Beispiel lasse sich der „Tunnel“ in der Berliner Straße nicht aufweitern. Die Bahn AG könnte aufgrund der überdimensionierten Brückenbreite keinen Neubau erreichen. Und die Stadt wiederum sieht sich auch verkehrstechnischen Gründen wegen der Einmündung Roscherstraße unmittelbar an der Brücke außer Stande, die Berliner Straße tiefer zu legen. Also müssen sich die Brummi – Fahrer noch für lange Zeit auf reduzierte Durchfahrtsmöglichkeiten einrichten. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die Oberleitung der Straßenbahn die lichte Höhe ohnehin geringer ist.
Aber es auch was Erfreuliches. So verrät Bartel, dass die Geschwindigkeitsbegrenzung über Luppe- und Nahlebrücke in der Gustav – Esche – Straße in absehbarer Zeit verschwunden sein werden. Die Sanierung der beiden Bauwerke befänden sich bereits in Planung. Aber dies geschehe nur dann, wenn der nördliche Teil des mittleren Ringes angepackt werde. Und dazu gehörten auch die Georg – Schwarz – Brücken.